Skip to main content

reviews/download

ANNETTE VON KEUDELL

Annette von Keudell arbeitet an der Schnittstelle von Bild, Skulptur, räumlicher Setzung und bewegungsbasierter Inszenierung. Ihre Werke geben einen intensiven Einblick in eine medienkünstlerische Praxis, die sich ganz bewusst nicht auf definierte Ausdrucksformen festlegt, sondern in den Übergängen zwischen Körper, Raum und Wahrnehmung entsteht.
Wiederkehrende Themen sind dabei Fragmentierung, Spiegelung sowie die Verschiebung von Realitätsebenen – eine Prozesshaftigkeit, in der das Vertraute fremd wird und Sichtbarkeit prekär erscheint.
Annette von Keudell verbindet konzeptuelles Denken mit einer eigenen visuellen Strenge. Im Mittelpunkt steht der menschliche Körper als Grenzfläche zwischen Innen und Außen, zwischen Sichtbarkeit, Konstruktion, Auslöschung und Widerstand. Oft verfremdet, bewusst isoliert, manchmal wie eingefroren, teilweise archiviert, nummeriert, absichtlich entzogen von klarer Lesbarkeit und scheinbar schon einer anderen Zeitordnung zugehörig.
Annette von Keudell untersucht genau diese abstrakte Beziehung zwischen Körper, Bildraum und medialer Konstruktion, insbesondere im digitalen Kontext, und analysiert gesellschaftlich geprägte Blickmuster und Zuschreibungen im Hinblick auf den weiblich gelesenen Körper und seine Repräsentationen.
Im Zentrum steht dabei nicht das Bild als Abbildung, sondern die Frage nach seinen Bedingungen: wie Präsenz entsteht, wie sich Identität formiert und unter welchen Voraussetzungen sie im Digitalen verschwindet.

Annette von Keudell studierte Malerei und Experimentalfilm bei Prof. Helmut Herbst, Zeitbasierte Medien an der Universität der Künste Berlin bei Prof. VALIE EXPORT und war Meisterschülerin von Prof. Heinz Emigholz. Neben ihrer künstlerischen Arbeit lehrt sie in den Bereichen medialer Kunst, Bewegtbild und Feedbackmethodik an europäischen Hochschulen.
Ihre Arbeiten wurden u. a. im Altonaer Museum, auf Kampnagel, in der Galerie Ahlers, der Photobastei Zürich und im f³ – freiraum für fotografie Berlin gezeigt.
Sie lebt und arbeitet in Hamburg.

Weitere Infos: annettevonkeudell.de

_______________________________________________________________________

Ausstellungstext – Übrigens: ich

Zwischen Präsenz, Identität und digitalem Verschwinden

Was bleibt, wenn der Körper nicht mehr gesehen, sondern berechnet wird? Was verschwindet, wenn Sichtbarkeit zur Bedingung von Existenz wird?
Körper werden nicht abgebildet, sondern befragt. Figuren, die erscheinen, ohne erkannt zu werden. Körper, die sich der systemischen Erfassung entziehen – fragmentiert, verspiegelt, überbelichtet, digitalisiert, entleert. Modellhaft oder künstlich, präsent und doch nicht gemeint.
In einer Gegenwart, in der Identität zunehmend indexiert, optimiert oder gelöscht werden kann, wird ein visuelles „Übrigens“ formuliert – eine Randbemerkung, die sich einschreibt, ohne sich anzupassen.
Sichtbarkeit ist kein neutraler Zustand. Sie ist reguliert, selektiv, verteilt. Es geht um Verschwinden – nicht als ästhetischer Effekt, sondern als gesellschaftlicher Vorgang. Und um Widerstand: gegen Klassifizierungen, gegen Glättung, gegen das Verschwinden unter dem Deckmantel der Repräsentation. Widerstand bedeutet hier nicht nur Konfrontation, sondern auch das Beharren auf Uneindeutigkeit, das Festhalten an dem, was sich nicht vollständig in Systeme übersetzen lässt.
Gleichzeitig wird der Versuch auszusteigen sichtbar – als anti-surveillance Geste, die das Raster unterläuft. Manche Figuren wirken wie Tarnungen, andere wie Störungen. Sie entziehen sich der maschinellen Logik, indem sie Unschärfen, Spiegelungen oder Überbelichtungen erzeugen. Sie setzen auf die produktive Kraft des Nicht-Erkennbaren. Dieses Aussteigen ist kein vollständiges Verlassen des Systems – es ist vielmehr ein Taktieren am Rand, ein Verschieben der eigenen Lesbarkeit, ein Spiel mit der Möglichkeit, übersehen zu werden.
So entsteht ein Zwischenraum, in dem Körper weder vollständig verfügbar noch gänzlich verschwunden sind. „Übrigens: ich“ ist keine Behauptung, sondern eine Störung. Ein Nachsatz. Eine Lücke im System – und vielleicht der Beginn einer anderen Sichtbarkeit.

MULTIPLE BOX - Dauer der Ausstellung: 
04. September bis 04.Oktober 2025

Bitte benutze einen modernen Browser